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Praxistest "Elternwahlrecht" #2

Praxistest "Elternwahlrecht" #2

Wenn's um Inklusion in der Schule geht, sind Viele Anhänger eines "Elternwahlrechts". Und die konstanten Anmeldezahlen an den Sonderschulen dienen oft als Beleg dass Eltern Inklusion gar nicht wollten. Aber ist die Anmeldung an der Sonderschule wirklich Ausdruck einer freien Wahl? Wir gehen dieser Frage jetzt in einer kleinen Serie nach. Hier der zweite Bericht.

Über andere Möglichkeiten wollten die Lehrer nicht sprechen

Das war schon im Kindergarten. Da hat die Erzieherin für Matti die Sonderschule körperlich und motorisch empfohlen. Über Inklusion hat sie auch geredet, aber sie meinte, dass Matti das nicht packen würde. Da hätte er nur Enttäuschungen und es wäre für ihn doch schöner, wenn er in der Klasse zu den Guten gehört. Matti hat Probleme mit den Füßen und mit dem Auge, das war dann lange abgeklebt. Weil er nicht so gut sehen kann war es für ihn auch im Kindergarten schon leichter, wenn nicht alle Kinder da waren und nicht so viel Rummel war.

Ich wollte aber die normale Grundschule. Der Kinderarzt hat Therapien verschrieben, Physio und Ergo, und seine Probleme sind auch deutlich besser geworden. In der Schule fanden dann die Lehrerin und die Sonderpädagogin eher sein Verhalten problematisch. Matti geht schnell hoch, wenn er geärgert wird. Sie haben dann den Förderschwerpunkt geändert, in Emotionale Entwicklung. Eine Weile ging es gut in der Schule. Die Lehrer fanden er sei auf einem total guten Weg.

Endlose Listen, was Matti falsch gemacht hat

Aber in der zweiten Klasse ging es schon vor den Herbstferien los. Ich bekam ein Elterngespräch mit der Lehrerin, der Sonderpädagogin und der Frau von der Offenen Ganztagsschule, und alle sagten er solle doch besser in die E-Schule wechseln. Sie haben mir einen Plan vorgelegt, in dem sie in jeder Stunde aufgeschrieben hatten was Matti falsch gemacht hat. Zunge rausgestreckt, jemanden geschubst, im Unterricht von seinem Platz aufgestanden und all son Zeug. Ich wollte nicht, dass er deswegen zur Sonderschule muss.

Aber von da an wurde es immer schlimmer. Ständig bekam ich Nachrichten und Anrufe von der Schule. Matti wollte nach dem Essen nicht wieder in Klasse, Matti wollte auf dem Schulhof einen Stock nicht abgeben, Matti hat ein anderes Kind geschlagen, Matti ist in der Turnhalle von einem Spiel weggelaufen, sie wollen Matti nicht mit auf den Ausflug nehmen, weil er ja weglaufen könnte... und immer wieder, zum Teil um 11 Uhr morgens schon, ich sollte Matti sofort abholen.

Die Papiere für die Sonderschule schon unterschriftsreif

Dann kam das nächste Elterngespräch und da hatten sie die Papiere für die Sonderschule schon zur Unterschrift auf dem Tisch liegen. Ich wusste damals gar nicht, dass das ohne meine Unterschrift nicht geht. Ich hab natürlich nicht unterschrieben. Aber die Lehrer taten so, als ob sie das dann eben ohne meine Unterschrift in die Wege leiten würden. Ich hab gefragt, ob es denn keine andere Möglichkeit gibt, vielleicht einen Schulbegleiter. Aber das wollten sie nicht. Die Sonderschule sei die einzige Möglichkeit.

Das war eine fürchterliche Zeit. Matti wollte manchmal gar nicht mehr zur Schule gehen. Die anderen Kinder hatten ja auch inzwischen rausgekriegt, dass Matti schnell wütend wird und dann immer mächtig Ärger kriegt. Ich bin zum Jugendamt gegangen, aber die meinten, wenn die Schule keinen Schulbegleiter will, dann würde das auch nichts helfen.

Irgendwann hab ich mir die E-Schule angesehen. Zuerst wollte ich nicht, aber ein paar Wochen später hab ich ihn doch da angemeldet. Jetzt ist er seit vier Wochen da. Im Unterricht ist er der Beste. Hoffentlich fällt er da nicht zurück. Und im Schulbus ist wohl die Hölle los. Da wird geschubst und mit Ausdrücken rumgeworfen und der Busfahrer ist völlig genervt. Ich hoffe, dass Matti zur vierten Klasse oder wenigstens zum Schulwechsel in der fünften Klasse wieder auf eine normale Schule gehen kann. Es ist meine große Sorge, dass er von der Sonderschule nicht wieder runter kommt.

Anonym

Voreifel

 

 

1 Kommentar


Sonja Hennig - 04.05.2018

Was heißt freie Wahl? Wenn man sein Kind nach 9 Schuljahren und 5 Jahren in der Gesamtschule von dieser Schule runter nimmt und lieber in eine Förderschule schickt, weil für jemanden mit Asperger-Syndrom diese Schule eine Hölle ist und auch Beratung durch Experten wie Therapeuten oder die Autismusfachberatung nichts geändert haben? Wenn das Kind nach der Grundschule noch als Kandidat für die Oberstufe gehandelt wurde, später als Kandidat für einen Realschulabschluß und jetzt die Versetzung in die 10. Klasse gefährdet ist und somit nicht mal der Hauptschulabschluß nach Klasse 9 sicher ist? Dann hat man als Eltern irgendwann keine Wahl mehr, wenn man nicht möchte, dass das Kind völlig verzweifelt.