Botschafter

Rösrath, 01.08.2014

In der derzeitigen Situation ist es für Menschen mit Behinderung nicht möglich, das Wunsch-und Wahlrecht zu nutzen, da sowohl viele KiTas, Grund- und Aufbauschulen sowie Universitäten und Berufsschulen nicht barrierefrei lehren und auch nicht barrierefrei gebaut sind. Ein inklusives Schul- oder Universitätssystem, in dem der gemeinsame Unterricht trotz des unterschiedlichen „Soseins" der Menschen fehlt. Daher ist eine Beschulung von Menschen mit Behinderungen bislang noch häufig den „Sonder- oder Förderschulen" überlassen. Ich selbst bin Contergangeschädigt. Wir Contergangeschädigte Menschen sind in den 70er Jahren „integriert" worden. Das bedeutete, dass wir uns den Gegebenheiten anpassen mussten bzw. es passend gemacht wurde. Für viele von uns hieß das: lange Anfahrten im Bus zur Schule und KiTa, kein Kontakt zu Nachbarn in der Woche, weil man eben erst nach 18.00 Uhr zuhause war; intensive Erfahrung des „Besonders- und Andersseins" und (aus medizinischer Sicht) defizitär sein. (...)

Diese Defizite sollten wir als behinderte Menschen ausgleichen und ein Höchstmaß an Normalität erreichen und Behinderung kompensieren. Dieser Ansatz führt zu einem geminderten, defizitären Selbstwertgefühl und es bedarf zusätzlich unendlich viel Anstrengung etwas Unmögliches zu erreichen, nämlich „normal" zu sein - "So-Sein" wie man sich fühlt, wird unter diesen Bedingungen fast unmöglich

Ich habe im Alter vom 18 Jahren beschlossen, mich aus der "Sonder- (Förder-)Schule" selber "auszuwildern" und bin auf ein städtisches Gymnasium gegangen, auch um mich auf die Universität vorzubereiten, in welcher ich viele Menschen ohne Behinderung erwartete und diese Welt und deren Regeln hatte ich eben bis dahin nicht kennen gelernt.

Das Aussondern in Förderschulen führt nämlich nicht nur dazu, dass ein Mensch ohne Behinderung den Umgang mit uns leider nicht "normal" erlebt, sondern auch wir Menschen mit Behinderung die "anderen" komisch und fremd erleben. Das können wir verhindern, indem unsere Kinder in Zukunft selbstverständlich miteinader in die Schule wohnortnah gehen können.

Es ist zu fordern, dass in allen Schulen barrierefrei zu lehren ist, denn es darf so nicht bleiben, nur weil wir "Erwachsene" eben nichts anderes kennen..

Das bedeutet, dass der Lehrstoff sowohl in einfacher Sprache, in Braille-Schrift, mit Hilfe von Gebärdensprache und anderen Hilfsmitteln für hörgeschädigte Menschen etc. vermittelt werden muß. Die Lernbedingungen müssen barrierefrei sein.Zugleich muß die Gewährung der notwendigen Integrationsassistenz in KiTas und Schulen für die praktische Unterstützung einkommens- und vermögensunabhängig für alle möglich sein.

Momentan ist es Fakt, dass z.B. ein Menschen mit einer Sinnes- und Körperbehinderung kaum eine Chance hat, in einer Regelschule einen qualifizierten Abschluss zu machen. Absurd ist, dass oft selbst in den Förderschulen dieses „Sosein" problematisch ist, da gerade diese Schulen so spezialisiert sind, dass entweder nur die eine oder die andere Facette des „Soseins" mehr gefördert werden kann. Hinzu kommt, dass das Ganztagsprinzip dieser Förderschulen sowie die weite, zeitlich intensive Anfahrt aufgrund des großen Einzugsgebiets dieser Sondereinrichtungen zudem deutlich ergänzend zur Exklusion vom heimischen/gesellschaftlichen Leben führen. Die Kinder kennen oft ihr nachbarschaftliches Umfeld nicht, da in der Woche gar keine Zeit ist, miteinander zu spielen oder Freizeitangebote gemeinsam wahrzunehmen. In der Schule treffen sie keine anderen Kinder.

Das Argument, dass an „Regelschulen" die individuelle Förderung fehlt, ist zu entkräften, in dem man den besonderen Förderbedarf (auch für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung) mit Fachkräften an der „Regelschule" abdecken kann. Da profitieren alle davon und es wird dadurch leichter sein,den "Frontalunterricht" zu verändern in Individualunterricht zum Wohle des Einzelnen und der Gruppe.

Man muß die bestehenden Förderschulen nicht schließen, sondern öffnen für alle Schüler/Menschen und einen regionalen/kommunalen Einzugsbereich vereinbaren und zugleich alle anderen Schulen so weit öffnen, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen dort barrierefrei lernen können.

Lassen Sie uns gemeinsam den "inklusiven" Weg gehen und die Chance nutzen, EINE SCHULE FÜR ALLE zu bauen und "alte Zöpfe" abzuschneiden. Unterstützen Sie die Initiativen und Aktivitäten von Mittendrin e.V.

Claudia Schmidt-Herterich

Claudia Schmidt-Herterich

Dipl.-Psychologin