Botschafter

Frankfurt, 10.02.2010

Integration jetzt!
Eine Ermutigung an die Bedenkenträger

Wenn ich Menschen mit Behinderungen gefragt habe, was ihnen besonders wichtig ist, kam immer eine Antwort: Sie wünschen sich möglichst viel Normalität, so sein zu können wie alle anderen, einbezogen zu werden, teilhaben zu können. Wenn man Menschen ohne Behinderung fragen würde, würden sie genau dieselben Erwartungen äußern. Das allein zeigt schon: Behinderte und Nichtbehinderte unterscheiden sich nur in einer Hinsicht: Die einen haben eine bestimmte Einschränkung, die anderen fehlt. In den anderen Bezügen unterscheiden sie sich nicht - jedenfalls, wenn man sie nicht dauerhaft darauf trainiert, sich als anders wahrzunehmen. Schon das allein ist ein Argument für eine weitgehende Integration von Menschen mit Behinderungen im Schulsystem.

Wir leben heute in einer Welt mit hoher Mobilität, in der Menschen aus den unterschiedlichsten kulturellen und ethnischen Zusammenhängen kommen. Wir alle sind verschiedenartigsten Einflüssen ausgesetzt und deshalb sind wir - völlig unabhängig vom Sachverhalt der Behinderung! - alles andere als eine homogene Gesellschaft. Verschiedenartigkeit ist schlicht der Normalfall.

Das ist - so wissen wir - nicht immer leicht zu ertragen. Deshalb ist es wichtig, dass man möglichst früh lernt, diesen Tatbestand als Normalität zu erkennen, als eine Situation, die vielleicht einmal Probleme und Konflikte hervorrufen kann, aber zugleich auch eine große Chance darstellt, die Einförmigkeit und Langeweile verhindert und zusätzliche Optionen erschließt.

Eine Schule, die diesen Sachverhalt nicht nur theoretisch unterrichtet, sondern im Alltag lebt, ist für alle Schülerinnen und Schüler ein großes Plus. Sie erhalten mehr Anregungen, sie empfangen mehr Lernimpulse und können sich besser, reicher entwickeln als in einseitig strukturierten Gruppen. Viele PädagogInnen wussten das schon lange, aber inzwischen belegt das auch die Hirnforschung. Integration ist also nicht nur eine Anforderung aus Sicht der Behinderten: Die Nichtbehinderten profitieren davon ebenso stark wie die Behinderten selbst.

Und als ausgebildete Lehrerin weiß ich: Es lässt sich in gemischten Gruppen auch viel besser unterrichten als in homogenen. SchülerInnen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lernniveaus können einander helfen. Davon profitieren wieder beide - diejenigen, denen geholfen wird, weil sie Zuwendung und Lernfortschritte bekommen, und diejenigen, die helfen, weil sie Erfolgserlebnisse haben und ihr eigenes Wissen besser strukturieren müssen, wenn sie es weitergeben.

Man wundert sich, warum diese Grundzusammenhänge in der offiziellen Pädagogik so lange aus dem Blick geraten waren. Stattdessen hat man auf starke Differenzierung in homogenen Gruppen gesetzt und gehofft, man könne möglichst gleiche Zielgruppen besser fördern. Vielleicht hat man sich dabei an tayloristischen Arbeitsprozessen orientiert. Aber menschliche Gehirne sind keine Computer: Sie entwickeln sich aus Anregungs- und Herausforderungssituationen heraus und funktionieren nicht nur einfach nach Schema F. Dieser Wandel im pädagogischen Mainstream lässt auch die Integrationsfrage heutzutage in einem neuen Licht erscheinen. Das kann man nur begrüßen. Integration behinderter Kinder in Normalschulen wird von dieser Entwicklung sehr profitieren.

Während wir vor ein paar Jahren noch über die Integration in Kindergärten diskutiert haben, steht heute in der Praxis längst die Integration in die weiterführenden Schulen an. Und auch hier wird die Entwicklung nicht enden: Mir scheint wichtig, dass wir nicht zuletzt auch die Integration in Ausbildung im Blick haben. Hier gibt es ja gut ausgeformte Sondereinrichtungen für Menschen mit Behinderungen. In dieses System sind in den letzten Jahren immer mehr Jugendliche verwiesen worden, die keine Chancen auf eine reguläre Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz hatten. Ich frage mich als Gewerkschafterin schon seit langem, ob und wem wir damit überhaupt einen Gefallen getan haben: Den Jugendlichen, die wir extra als Behinderte etikettieren, damit sie die Anspruchsvoraussetzungen für Fördermaßnahmen der Arbeitsmarktpolitik erfüllen können, sicher nicht, und auch diejenigen, die tatsächlich auf Spezialbedingungen angewiesen wären, im Übrigen auch nicht. Insofern ist es gut und hilfreich, dass das Bundesinstitut für Berufsbildung, in dem Bundes- und Landesregierungen mit den Sozialpartnern zusammenwirken, jetzt eine Reform der sog. „Behindertenausbildungen" auf den Weg gebracht haben, das den Anspruch auf „Normalausbildung" für möglichst alle Jugendlichen wieder in sein Recht setzt und auch wirksamere Missbrauchskontrollen vorsieht. Das ist ein Schritt nach vorn. Integration soll auch in der Berufsbildung der Normalfall sein. Es gibt schon viel zu viele erfolgreiche Beispiele, als dass man die Bedenken noch wirklich ernst nehmen dürfte.

Nun weiß ich natürlich, dass nicht jede Behinderung eine Integration z.B. in eine Normalschule erlaubt. Der Anteil von Schwerstmehrfach-Behinderten ist in den letzten Jahren gestiegen und damit auch der Hilfebedarf, den die Betroffenen haben. Eine Integration in den normalen Unterricht muss da natürlich auch unter Abwägung von Aufwand und Ertrag erfolgen.

Schulen stehen heute unter großen Belastungen. Man kann verstehen, wenn sie hier eher zögerlich sind. Kompromisse müssen geschlossen werden - und das sollte nicht immer gleich als Diskriminierung von Behinderten angeprangert werden. Auch das kommt ja leider vor und es erschwert die Ausbreitung des Integrationsgedankens, weil Lehrer und Schulleitungen, die bereit wären, diesen Weg zu gehen, dem Ärger dann lieber vorab aus dem Weg gehen. Das sollten wir vermeiden.

Aber mir scheint noch etwas anderes ganz wichtig: Ich nehme wahr, dass diejenigen, die sich um behinderte Kinder und Jugendliche kümmern - ihre Familien, ihre Betreuer, selbst Lobbyverbände -, viel zu oft in falsch verstandener Fürsorglichkeit Herausforderungen und Anstrengungen von ihnen fernzuhalten suchen. (Auch hier unterscheiden sich Familien mit behinderten oder nicht behinderten Kindern im Übrigen wenig!) Kinder mit Problemen werden gerade von denen, die sich um sie sorgen, oft eher von ihren Defiziten und Schwierigkeiten her wahrgenommen als von ihren Potentialen und Entwicklungsmöglichkeiten. So etwas nervt alle Kinder - behinderte wie nicht behinderte.

Deshalb im Zweifelsfall: Immer erst mal die Kinder selbst fragen, welchen Herausforderungen sie sich stellen wollen! Ich bin sicher, wir werden uns wundern, was alles an Integration möglich ist.

Dr. Regina Görner

Dr. Regina Görner

damals Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall