Botschafter

Gütersloh, 02.10.2009

Mucksmäuschenstill wurde es im Stadion. Ein Teilnehmer des Mittelstreckenlaufs bei den Paralympics war gerade gestürzt und blieb liegen. Dann ungläubiges Staunen: alle Läufer stoppten, liefen zu dem Gestürzten, halfen ihm hoch und gemeinsam überquerten alle die Ziellinie. Tosender Applaus auf den Rängen! Mit dieser Geschichte hat uns der UN-Sonderbeauftragte Vernor Muñoz, der letztes Jahr die Bertelsmann Stiftung besuchte, verdeutlicht, was inklusive Bildung für ihn bedeutet: niemanden zurück zu lassen, sondern alle so zu begleiten, dass sie ihr Ziel erreichen.

Trotzdem hinkt das Beispiel. Denn alle kommen in dieser Geschichte später ins Ziel. Das vermittelt den Eindruck, inklusive Bildung ginge nur auf Kosten des Leistungsniveaus. Aber das stimmt nicht - im Gegenteil: Inklusive Schulen fördern die Leistungspotenzial aller Schüler. Beispielsweise schneidet die Erika Mann-Grundschule in Berlin - eine der Jakob Muth-Preisträger für inklusive Schulen, die wir im August gemeinsam mit der Bundesregierung und der deutschen UNESCO ausgezeichnet haben - bei den landesweiten Vergleichstests überdurchschnittlich ab. Wer alle Kinder mit ihren Stärken und Schwächen individuell fördert, wird in jedem Kind Einzigartiges und Herausragendes zur Entfaltung bringen. Gute Leistung und faire Inklusion müssen und dürfen im Bildungssystem kein Widerspruch sein.

Jörg Dräger

Jörg Dräger

Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung