Botschafter

Düsseldorf, 24.08.2007

Im deutschen Bildungssystem geht es vornehmlich um eines: Die Noten und Leistungen der Schülerinnen und Schüler! Die Landesschülervertretung NRW dreht den Spieß heute mal um, und gibt dem Schulsystem Noten. Diese sollen doch schließlich, um mal den ein oder anderen Pädagogen zu zitieren „Defizite aufzeigen um zu verdeutlich, wo man noch dran arbeiten muss". Also,

„Ungenügend" ist, dass
In Deutschland immer noch die soziale Herkunft eines Kindes über dessen Zugangschancen zu Bildung entscheidet. Man sollte glauben, dass eine Gesellschaft die Zeit zur Weiterentwicklung ihrer „Durchlässigkeit" nutzt, schließlich weiß man in den verantwortlichen Kreisen spätestens bereits seit der Aufklärung, dass Bildung die Grundlage für die Integration in eine Gesellschaft ist. Trotzdem liegt in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, dass ein Beamtenkind ein Gymnasium besuchen wird, sechsmal höher als bei einem Facharbeiterkind. Schade für die Verantwortlichen der Bildungsmisere in der Bundesrepublik ist dann wohl nur, dass es ihnen in all den Jahren und Reformen im System noch nicht gelungen ist Talente und Intelligenz proportional zum Einkommen der Erzeuger zu verteilen.

„Ungenügend" ist, dass
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, laut der PISA-Studie von 2000 ebenso benachteiligt sind wie Kinder aus einkommensschwachen Familien: Gerade einmal 10 % von ihnen erreichen die Hochschulreife (deutsche Jugendliche 25 %) und der Anteil der Hauptschulabschlüsse ist bei MigrantInnen mit 40 % erschreckend groß (deutsche Jugendliche 20 %). Wer hier immer noch ein Integrationsproblem in Deutschland abstreitet, kann noch nicht begriffen haben, dass die Förderung des Potenzials junger Menschen die einzige Basis für eine funktionierende und sich weiterentwickelnde Gesellschaft ist.

„Ungenügend" ist dass
besonders Kinder und Jugendliche mit geistigen und körperlichen Behinderungen auf eine adäquate und qualifizierte (Aus)Bildung verzichten müssen. Noch viel früher als andere werden sie auf die so genannten „Sonderschulen" (in NRW neuerdings „Förderschulen") aussortiert. Dabei sind sich Experten international einig, dass der Lernerfolg in heterogenen Klassen nicht nur bei behinderten Kindern, sondern auch bei ihren gesunden Mitschülerinnen und Mitschülern größer ist.
Das deutsche Schulsystem funktioniert wie ein Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft, es zeigt jungen Menschen bereits zu Beginn ihres Lebens, dass für „anders sein" oder „anders denken" kein Platz ist.

Liebe Bildungspolitiker der Republik, und alle die es gerne sein möchten: Das ist das Resultat Eurer Arbeit! Ich denke, die Defizite sind mehr als nur deutlich. Die Ergebnisse der PISA Studie müssen wohl noch mal wiederholt werden und wenn sich dann immer noch nichts an ihrem „Lernverhalten" ändert, müssen wir wohl über die Versetzung in die nächste Legislaturperiode nachdenken!

Julia Böhnke

Julia Böhnke

damals Schülerin, LandesschülerInnenvertretung NRW