Botschafter

Bielefeld, 06.07.2007

Das deutsche Schulsystem ist im Vergleich zu dem der meisten Nachbarländer in Europa sehr stark zerklüftet. Immer wieder in die Diskussion gerät die Unterteilung in die drei großen Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium, in einigen Bundesländern zusätzlich noch Gesamtschule, nach dem Abschluss der Grundschule. Hier schimmert deutlich die ständische Struktur der Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches durch. Politikerinnen und Politiker ebenso wie Bildungsgewerkschaftler haben es nicht geschafft, diese völlig veraltete und heute disfunktional gewordene Struktur zu reformieren. Ein zweiter traditioneller Zopf ist die Abspaltung des Sonderschulsystems. Seit Jahrzehnten gehen kontinuierlich fast 5% der Schülerschaften in Deutschland auf diese Spezialeinrichtungen, oft, wie bei behinderten Kindern, vom ersten Schultag an. Kaum in einem anderen mit uns vergleichbaren Land werden dadurch gehandicapte und in Teilen ihrer körperlichen, intellektuellen und sozialen Kompetenzen beeinträchtigte Kinder von allen anderen Kindern abgeschirmt. Dabei zeigt die pädagogische Erfahrung und zunehmend auch die empirische Bildungsforschung, dass eine gemeinsame Unterrichtung von behinderten und unbehinderten Kindern Vorteile für beide Gruppen mit sich bringt.
Die notwendige gezielte Spezialförderung der behinderten Kinder muss in einem integrierten System keinesfalls leiden, sie wird nur flexibler organisatorisch verankert als in dem heutigen total ausgegliederten Sonderschulsystem. Die Leistungs- und Sozialentwicklung der nichtbehinderten Kinder kann durch den gemeinsamen Unterricht und das zusammen erfahrene Schulleben reichhaltiger und stärker werden, in vielen Fällen steigt nicht nur die soziale Verantwortungsbereitschaft, sondern sogar die Leistungsfähigkeit dieser Schülerinnen und Schüler.

Ich begrüße es deswegen sehr, dass der Kongress "Eine Schule für Alle" dieses Thema offensiv angeht und den Versuch macht, endlich einmal wieder einen nachdrücklichen Impuls für ein integratives Schulsystem in Deutschland vom ersten Schultag an zu setzen. Ich wünsche dieser Initiative große Resonanz und viel Erfolg.

Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann

Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld