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Jetzt sprechen Jugendliche gegen Anti-Inklusions-Polemik

07. Februar 2017

Sehr geehrter Herr Laschet, sehr geehrter Herr Lindner,

mit großem Entsetzen habe ich in letzter Zeit ihre Forderung nach einem Stopp der Inklusion zur Kenntnis genommen.

Leider kann ich Ihre Ansicht nur auf grobe Unkenntnis zurückführen. Als Betroffener weiß ich wovon ich hier schreibe. Haben Sie schon einmal eine Förderschule von innen gesehen? Ich Gott sei dank nur einmal und wollte dringend wieder weg!

Ich hatte das Glück einen sehr engagierten Grundschulleiter zu bekommen, der sich meiner annahm und entgegen der Schulärztin der Auffassung war, dass ich sehr wohl in der Regelschule mit den anderen „normalen“ Kindern lernen könnte. Zum damaligen Zeitpunkt war diese Schule noch nicht einmal integrativ, geschweige denn inklusiv.

Es gehört nicht viel zu guter inklusiver Beschulung. Lediglich eine Portion Mut, die Dinge anzupacken und engagiert durchzuführen. So hat meine Grundschule in Hürth - ohne auch nur den Status integrativ (inklusiv gab es damals noch nicht) zu haben - mich bereits inklusiv beschult. Dies mit vollem Erfolg. Heute studiere ich, nachdem ich ein 1er Abitur auf dem Gymnasium erreicht habe.

Ich gehörte von Anfang an zu meinen Klassenkameraden, ich hatte Freunde die um die Ecke wohnten, ich war mittendrin statt nur dabei. Kinder in Förderschulen haben keine Chance Freundschaften mit „normalen nicht behinderten Kindern“ zu schließen. Sie gehören nicht dazu! Sie stehen neben der Gesellschaft statt mittendrin. Die Schule, die ich mir dann auf Anraten einer Sonderpädagogin ansah war ca eine ¾ Stunde von meinem Wohnort entfernt. Ich wäre mit dem Abholen Anderer und verkehrsbedingten Verzögerungen sicherlich mehr als 2 Stunden jeden Tag zur Schule hin und zurück unterwegs gewesen. Das ist eine Zumutung! Man kommt dann abends nach Hause und kann ebenfalls nichts mehr machen und daher in seinem Umfeld auch keine Kinder kennenlernen.

Ich bin mit einer körperlichen Beeinträchtigung zur Welt gekommen. Mir ist bewusst, dass ich ein recht „leichter“ Fall bin. Aber ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass es für Jemanden mit Behinderung nichts Wichtigeres gibt, als alles versuchen zu können. Es gab nie Probleme mit meinen Klassenkameraden. Im Gegenteil wurde ich stets von meinen Klassenkameraden unterstützt, aber auch gefordert, denn nichts spornt dermaßen an sich selbst zu fordern wie der Wunsch, trotz einer Beeinträchtigung mit den Anderen mithalten zu können. Diese Triebfeder darf niemand unterschätzen. Aber die Inklusion ist kein reines Geben für die „Normalen“ den auch sie haben einige wertvolle Erfahrungen gewonnen.

In ihren Ausführungen über das Thema Inklusion vermisse ich die ausgewogene Analyse der aktuellen Situation.

Sie führen keine ehrliche politische Diskussion, wenn Sie sich nur die negativen Beispiele heraussuchen und die positiven unterschlagen. Das gilt besonders für Diejenigen, die für das höchste Amt in unserem Bundesland kandidieren.

Falls sie eine Regelschule besuchen wollen, in der die Inklusion klappt, empfehle ich ihnen mein altes Gymnasium in Hürth. Das Albert Schweitzer Gymnasium ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Erfolg der Inklusion machbar ist.

Ich hatte Glück und konnte meine Schullaufbahn trotz meiner Behinderung gehen und nun wurde der erste Schritt auf dem Weg dahin gemacht, das diese Möglichkeit allen Kindern, ihren Fähigkeiten entsprechend, offen steht.

Wollen sie diesen Weg wieder verlassen?

In der Hoffnung, dass sie bald dazu übergehen eine differenzierte und ernsthafte Diskussion über die Schwierigkeiten der Inklusion zu führen.

Mit freundlichen Grüßen

Roman Haenßgen

 

Am 3. Februar hatten sich 22 Elternvereine in einem Offenen Brief an Armin Laschet (CDU) und Christian Lindner (FDP) gewendet und verlangt, dass sie sich mit ihrer hinterhältigen Polemik mäßigen.

 

 

Länderkarte
Eine Schule für Alle.