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Sonderschüler verklagt Land NRW

17. Oktober 2016

Nenads Geschichte mutet unglaublich an: 11 Jahre lernt der Junge auf Schulen für geistig Behinderte - obwohl er durchschnittlich begabt ist. Jahrelang bittet er seine Lehrer immer wieder, auf eine normale Schule wechseln zu dürfen. Vergeblich. Erst kurz vor seinem 18. Geburtstag gelingt es mit Hilfe von Externen, auf eIne Schule zu wechseln, auf der ein Schulabschluss möglich ist. Jetzt verklagt Nenad das Land NRW. Weil ihm Prozesskostenhilfe verweigert wird, sammeln wir Spenden, um die Gerichts- und Anwaltskosten bezahlen zu können.

Der WDR zeigt Nenads Geschichte am Donnerstag 20.10. in der Reihe "Menschen hautnah" um 22.40 - 23.25 Uhr:  Für dumm erklärt. Nenads zweite Chance

Der Film ist auch in der WDR-Mediathek abrufbar.

Aber wie kann das passieren, dass ein völlig normal begabtes Kind auf eine Schule für geistig Behinderte zugewiesen wird - und dann dort 11 Jahre lang bleibt? Hat keiner der hoch qualifizierten Sonderpädagogen gemerkt, dass der Junge an dieser Schule falsch war? Hat niemand in all den Jahren die Diagnose "geistig behindert" noch einmal überprüft? 

Ein besonders dramatischer Fall, aber kein Einzelfall - das sagen die NRW-Elternvereine für inklusive Bildung. Auch der Verband Sonderpädagogik (vds) bestätigt in Reaktion auf den WDR-Film, dass Fehldiagnosen und falsche Zuweisungen zu Sonderschulen ein großes Problem sind.

Die Elternvereine werfen dem Sonderschulsystem vor, bei der Rückführung der SchülerInnen in allgemeine Schulen zu versagen:

Erklärung der Elternvereine zum WDR-Film „Für dumm erklärt“, 20.10.2016

Wir Elternvereine in Nordrhein-Westfalen danken dem Westdeutschen Rundfunk, dass er mit dem Film „Für dumm erklärt“ das Schicksal all jener Kinder und Jugendlichen thematisiert, die aufgrund zweifelhafter Diagnosen mit dem Etikett „behindert“ versehen und in Sonderschulen beschult werden.

Der Fall des heute 19jährigen Nenad, der trotz normaler Begabung elf Jahre an Sonderschulen für Kinder mit geistiger Behinderung festgehalten wurde, ist ein besonders dramatischer Fall, aber nach der Erfahrung der Elternvereine kein Einzelfall. Jeder, der mit Sonderschulen zu tun hat, weiß, dass immer wieder Kinder, die in der Schule nicht „passen“, in sonderpädagogischen Verfahren zu einem Fall für die Sonderpädagogik erklärt und nicht selten auf Sonderschulen verwiesen wurden und werden.

Dieses Schicksal trifft Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten. Aus unserer Beratungsarbeit kennen wir zahlreiche Fälle, in denen Kinder aufgrund fehlender Sprachkenntnisse als minder begabt eingestuft werden. Auch Kinder aus wirtschaftlich und sozial benachteiligten Verhältnissen sind in der Gefahr, dass ihnen in der allgemeinen Schule eine zusätzliche Förderung verwehrt wird und sie stattdessen mit dem Etikett „behindert“ versehen werden. Selbst besonders begabte SchülerInnen sind sonderschulgefährdet, wenn sie als „anstrengend“ gelten oder wegen ständiger Unterforderung im Unterricht durch Verweigerungshaltung auffallen. Unsere Erfahrung zeigt: Ist ein Antrag auf Überprüfung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs erst einmal gestellt, werden die meisten der sonderpädagogischen Gutachter auch etwas „finden“.

Wir Elternvereine setzen uns für inklusive Bildung für alle Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen ein – auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Anlässlich des Films „Für dumm erklärt“ weisen wir jedoch auch darauf hin, dass die Sonderschulen in NRW auch Kinder und Jugendliche beschulen, die ihnen aufgrund von mangelhaften oder falschen Diagnosen zugewiesen worden sind.

Dabei zeigt der Fall Nenad beispielhaft, wie Sonderschulen bei der Rückführung von SchülerInnen auf allgemeine Schulen versagen – selbst wenn den Sonderpädagogen auffällt, dass eine Fehldiagnose vorliegt. Aus fachlichen Fehlern (Nichterkennen der Lernpotenziale, Anwenden ungeeigneter Diagnostiken) oder sachfremden Motivationen (vorgeblicher Fürsorge für Kinder in schwierigen Situationen) werden dann Kindern Bildungschancen vorenthalten. Die Folge sind zerstörte Bildungslaufbahnen. Wir sind erschüttert, dass selbst die zuständige Schulaufsicht im Fall des fälschlich als geistig behindert etikettierten Nenad (der inzwischen auf dem Weg zum Realschulabschluss ist) bis heute argumentiert, dass keine Fehler gemacht worden seien.

Dem Ruf exzellenter Fachlichkeit, der dem Sonderschulsystem in der öffentlichen und politischen Diskussion stets zugeschrieben wird, wird dieses Schulsystem in der Praxis nicht gerecht. Wir Elternvereine kritisieren das Sonderschulsystem seit Jahren nicht nur, weil es die Kinder und Jugendlichen mit Behinderung der Gesellschaft entfremdet, sondern auch, weil es seine SchülerInnen nicht genug zum Lernen anregt und fordert. Nach wie vor verlassen zwei Drittel der SonderschülerInnen die Schule ohne Abschluss.

Der WDR-Film illustriert nun erstmals eindrücklich, dass dies auch Kinder und Jugendliche betrifft, die in einer guten allgemeinen Schule einen normalen Schulabschluss hätten erreichen können.

Initiativkreis Gemeinsame Schule, Wuppertal

Gemeinsam Leben,Gemeinsam Lernen Dorsten

Schule für alle e.V. , Hennef

Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen Aachen e.V.

Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen Bonn e.V.

Bielefelder Familien für Inklusion e.V.

mittendrin e.V., Köln

Elterninitiative Inklusion Bornheim

Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen Kreis Borken

Gemeinsam Leben lernen e.V., Düsseldorf

Gemeinsam Leben Lernen e.V. – Hilden

Elterninitiative INKLUSION - HIER und JETZT ! e. V. , Leverkusen

Gemeinsam leben- gemeinsam lernen in Pulheim

igll - Initiative gemeinsam leben und lernen e.V., Neuss

Gemeinsam leben, gemeinsam lernen - Olpe plus .V.

Netzwerk Inklusion im Kreis Warendorf

VIBRA e.V. Ratingen

Bielefelder Initiative Eine Schule für alle

Kleeblätter 21 e.V., Mönchengladbach

Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen NRW e.V.  

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