Die hohen Anmeldezahlen an Förderschulen in Nordrhein-Westfalen sind nicht Ausdruck des Elternwillens. Das hat eine wissenschaftliche Befragung des Deutschen Instituts für Menschenrechte (DIMR) jetzt auch mit einer Sonderauswertung für NRW ergeben. An der Befragung haben 2.315 Sorgeberechtigte im Land teilgenommen (bundesweit rund 7.500).
Demnach lehnen rund 81 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderungen in Nordrhein-Westfalen eine getrennte Beschulung von Kindern mit Förderbedarf ab. Rund 91 Prozent der Eltern wünschen sich, dass alle Schulen so ausgestattet sind, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gut gemeinsam lernen können.
Sogar von den Eltern, die ihr Kind an einer Förderschule angemeldet haben, geben rund 69 Prozent an, sie würden ihr Kind sicher (rund 44 Prozent) oder wahrscheinlich (25 Prozent) auf eine allgemeine Schule schicken, wenn die Förder- und Unterstützungsbedingungen dort besser wären.
Das Argument der Landesregierung und vieler Kommunen, Förderschulen müssten auf Wunsch der Eltern aktuell sogar weiter ausgebaut werden, basiert demnach auf einer umfassenden Fehleinschätzung. Viele Eltern melden nicht an Förderschulen an, weil sie die getrennte Schulform bevorzugen, sondern weil sie für die gewünschte inklusive Bildung in der allgemeinen Schule keine guten Bedingungen vorfinden.
Nach Recherchen des Elternvereins mittendrin e.V. sollen aber nach Planungen der kommunalen Schulträger zu den aktuell 488 Förderschulen in Nordrhein-Westfalen mindestens 30 weitere hinzukommen. Anstatt die Bedingungen für die inklusive Beschulung zu verbessern, werden derzeit knappe Ressourcen in noch mehr Förderschulkapazitäten gesteckt.
Der Elternverein mittendrin e.V. fordert seit Jahren, dass die Landesregierung einen Aktionsplan erstellt, um den Aufbau inklusiver Bildung in guter Qualität systematisch voranzubringen. „Landesregierungen und Kommunen, die auf die vollständige Erhaltung oder sogar den Ausbau von Förderschulen setzen, richten sich gar nicht nach dem Elternwillen, sondern nach einer Fehleinschätzung“, sagt mittendrin-Sprecherin Eva-Maria Thoms.
Die komplette Auswertung der Umfrageergebnisse in Nordrhein-Westfalen finden Sie auf der Webseite des Deutschen Instituts für Menschenrechte:
DIMR, Factsheet Inklusive in Schule in Nordrhein-Westfalen zwischen Wunsch und Wirklichkeit (PDF)
Ein Interview mit Dr, Britta Schlegel und Dr. Susann Kroworsch vom DIMR zu den bundesweiten Ergebnissen der Umfrage “Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit” mit Links zur Publikation und Factsheets zu ausgewählten Themenbereichen finden Sie ebenfalls auf der Webseite des DIMR: