Blog-Header
+ Startseite + Blog + Artikel
Praxistest "Elternwahlrecht" #1

Praxistest "Elternwahlrecht" #1

Wenn's um Inklusion in der Schule geht, sind Viele Anhänger eines "Elternwahlrechts". Und die konstanten Anmeldezahlen an den Sonderschulen dienen oft als Beleg dass Eltern Inklusion gar nicht wollten. Aber ist die Anmeldung an der Sonderschule wirklich Ausdruck einer freien Wahl? Wir gehen dieser Frage jetzt in einer kleinen Serie nach. Hier der erste Bericht.

Das Gefühl, dass ich jetzt vor dieser ausgrenzenden Gesellschaft eingeknickt bin.

Wir sind von Beginn an sehr offensiv für den Inklusionsgedanken eingetreten, weil wir immer der Meinung waren und sind, dass unsere Tochter Lisa (Name geändert) Bestandteil unserer Gesellschaft ist und mit Menschen aller Couleur zusammen sein und leben sollte. Als die Einschulung anstand, haben wir uns trotzdem auch die Förderschule angesehen. Es war schon beeindruckend, welche Gerätschaften und Möglichkeiten es dort für die Förderung von schwer beeinträchtigten Kindern wie Lisa gibt. Aber diese Behindertenblase wollten wir für sie nicht, dieses Leben fernab von allem, was andere Kinder täglich erleben. Also haben wir sie an dieser Grundschule in unserer Nähe angemeldet, von der wir wussten, dass dort Inklusion wirklich gelebt wird.

Lisa sitzt im Rollstuhl und sie hat keine Sprache. Von sich aus nimmt sie keinen Kontakt zu anderen Menschen auf, so dass wir uns auf unseren Eindruck von ihr und auf ihre Nuancen der Lautierung verlassen müssen um zu sehen, wie es ihr geht und was sie braucht. Für diese Schule war das kein Problem. Im Vergleich zur Förderschule mussten wir Abstriche machen, was die therapeutische Ausstattung betraf. Aber Lisa war integraler Bestandteil der Klasse und die anderen Kinder haben sich um sie bemüht und sie einbezogen. In den höheren Klassen wurde das etwas schwieriger, weil die anderen Kinder dann viel mehr andere Interessen entwickeln. Aber von dieser inklusiven Schule waren wir überzeugt, weil die Beschäftigten dort uns immer vermittelt haben, dass sie das was sie tun für gut und richtig halten und für das, was unsere Gesellschaft braucht.

Wenig gute inklusive Schulen in der Sekundarstufe

Den Entschluss, wie es für Lisa in der Sekundarstufe weiter gehen soll, haben wir uns nicht leicht gemacht. Ich bin immer noch überzeugt, dass ein Leben in der Inklusion für sie besser wäre. Aber das Angebot von guten inklusiven Schulen ist in der Sekundarstufe deutlich schlechter als in der Grundschule. Es gibt eine Schule, der wir die Inklusion von Lisa zugetraut hätten. Aber wir mussten recht schnell einsehen, dass sie zu weit entfernt liegt. Uns war klar, dass Lisa deshalb keine Chance hatte dort aufgenommen zu werden und wir hatten vor allem keine Chance, dass uns dann auch der Fahrdienst genehmigt wird. Wir mussten ja eine Schule finden, die ihre Lernbedürfnisse abdeckt und die gleichzeitig auch für uns machbar ist.

Es gibt eine andere Schule, deren Besuch Lisa genehmigt worden wäre. Aber diese Schule ist riesengroß und völlig überfüllt, mit 30 Kindern in den Klassen. Wir hatten Angst dass Lisa dort zu einem Fremdkörper wird, weil sie eben nicht selbst agiert. Und die Schule war auch nicht dafür ausgestattet, Lisas hohen Bedarf an therapeutischer Behandlung zu erfüllen. Gerade die motorische Förderung ist ja für Kinder wie Lisa mit der wichtigste Lernstoff in der Schule.

Wir haben uns in der Zeit viel mit Bekannten unterhalten, die ebenfalls stark beeinträchtigte Kinder haben und vor dem gleichen Problem standen. Eine Beratung vom Schulamt haben wir uns nicht mehr geholt. Irgendwann stand der Entschluss fest und wir haben sie an der Förderschule angemeldet.

Fahrdienst, Therapie - wenn man Inklusion wählt, ist nichts selbstverständlich

Ich glaube jetzt, dass ich unter den aktuellen Gegebenheiten für Lisa die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber das heißt nicht, dass es mir mit der Entscheidung für die Förderschule gut gehen würde. Ich bin weiter eine Verfechterin der Inklusion, auch für Kinder wie Lisa, und ich habe das Gefühl, dass ich jetzt vor dieser ausgrenzenden Gesellschaft eingeknickt bin, die Lisa nicht das gibt, was sie für ihre Inklusion braucht.

Wenn man die inklusive Schule will, muss man für alles kämpfen. Jedes Jahr neu beantragen und nachweisen, dass man den Fahrdienst braucht und die Schulbegleitung. Jedes Hilfsmittel ein bürokratischer Akt. Das ist man irgendwann auch leid. Nimmst Du die Förderschule, kriegst Du ungefragt das all-inclusive-Paket. Fahrdienst ist selbstverständlich, Antrag nicht mehr nötig.

Was mich ärgert: Auch die Förderschule besteht darauf, dass immer eine Schulbegleitung für Lisa anwesend ist. Wenn die Schulbegleitung krank ist, muss Lisa erst einmal zu Hause bleiben. Und eine Ferienbetreuung wie in der inklusiven Schule gibt es auch nicht. Es fällt also nicht nur die Teilhabe in der Schulzeit weg, sondern Lisa ist pro Jahr in den gesamten 12 Wochen Ferienzeit völlig auf sich allein gestellt. Ich weiß noch nicht wie ich es schaffen soll das immer wieder für sie zu organisieren. Das finde ich grenzt wirklich an Diskriminierung.

Anonym

Rheinland

5 Kommentare


Kirsten Ehrhardt - 10.04.2018

Ja, ab Sekundarstufe 1 schlägt die "ausgrenzende Gesellschaft" spätestens zu. In allen Bundesländern. Aber: Eine Sonderschule, in der das Kind nur mit Schulbegleitung kommen darf??? Mal ehrlich? Sind das nicht die Schulen, die sooooooo toll ausgestattet sind und in denen die behinderten Kinder soooooooo gut gefördert werden? Und in den Ferien nix? Aber da gibt's ja viele schöne Behinderten-Freizeiten... Übrigens tolle Idee von mittendrin, dieser "Realitäts-Check", so bitter er auch ist.

Jo Paul-Roemer, IK GU Wuppertal - 10.04.2018

Es gibt kein Elternwahlrecht, Inklusion ist individuelles Menschenrecht des Kindes, unabhängig vom Bewußtsein der Eltern. Schulische Inklusion wird absichtlich an die Wand gefahren, damit die Eltern sich beschweren und nun doch die Sonderschule fordern. Ein bitterböses Spiel.

Anonym - 10.04.2018

Wo ist unser Wahlrecht denn? Nach 8 Jahren GU wird mein Kind mit Down-Syndrom gegen unseren erklärten Willen aus der Regelschule in die Förderschule geschickt, da keine Fachkraft mehr da ist, keine sachgerechte Förderung mehr stattfindet und es dem Kind dadurch auch nicht mehr gut geht … dann wird ihm daraus ein Strick gedreht, dass es sich nicht mehr konform verhält … Die ständige Verschlimmerung der Rahmenbedingungen und massiver Druck der Schulleitung haben uns /gezwungen/, dem Wechsel zähneknirschend zuzustimmen. Wo also ist dieses Wahlrecht?? Wir hatten de facto keine andere Wahl.

Wolfgang Klug - 17.04.2018

Sehr geehrte Frau Ehrhardt und Anonym,

 

ja, wir leben in einer beschämend gleichgültigen Welt, Behinderung gibt's nicht und ist nicht förderungswürdig.

 

ABER: ich habe von einer Studentin mit Down-Syndrom gelesen, die ihr Abitur geschafft hat und nun studiert. Wäre es volkswirtschaftlich sinnvoll gewesen, diese Dame von Bildung fernzuhalten? Jawohl, ich spreche von Geld, wenn schon keine Empathie zu finden ist, die Menschen mit Lernbehinderung eine Lebenschance gönnen. Deshalb appeliereich an Sie alle, die Probleme mit der Inklusion haben, sprechen Sie mit allen Menschen in ähnliche Situation und bitten Sie sie, ihren Fall in einem Brief an den jeweiligen Kultusminister zu schicken mit der Bitte um Antwort, wie Ihr Kind eine schulische Förderung in Ihrem Land bekommen kann, in der Hoffnung, dass der Brief von einer Person mit großem Verantwortungsbereich unterschrieben wird. Und wenn das nichts nutzt, dann schicken Sie Ihre Erfahrungen an Parteien, Presse und Kirchen. Vielleicht rührt sich dann doch etwas.

 

Nun aber ein Hoffnungsschimmer: Meine Frau sitzt wegen einer unheilbaren Muskelkrankheit im Rollstuhl. Wir machen die Erfahrung, dass in jedem Fall an Treppen, Türen oder anderen Hindernissen uns immer rasch und bereitwillig von Jung und Alt geholfen wird.

 

Vielleicht haben Sie und Ihre Kinder diese Erfahrung jetzt und in Zukunft auch immer wieder, als Mutmacher.

 

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und noch mehr gute Ideen.

 

Herzliche Grüße

 

Wolfgang Klug

 

Tel Nr. 07151 1737 440

 

Chaoskatze - 25.04.2018

Herr König,

 

auch ich "sitze" im Rollstuhl. Oder eher: ich fahre ihn. Für mich ist das kein Möbeln, in dem ich bequem Platz nehme und ansonsten geschoben werde, sondern ein Fahrzeug, wie ein Fahrrad.

 

Ist denn dieses Geholfekriegen-Mitleid echt das, was Sie jungen Leuten anempfehlen als "Hoffnung"? Dass sie ewig als Hilfs"bedürftige" wahrgenommen werden? Wäre es da nicht sinnvoller, Umwelt zu zu gestalten, dass sie zugänglich/barrierefrei für alle ist, anstatt Menschen den Stempel "öffentlicher Hilfsfall" aufzudrücken?