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Schlicht missverstanden

Schlicht missverstanden von Tina Sander

Udo Reiter sitzt im Rollstuhl – und hat was gegen den „groben Klotz der Inklusionsbegeisterung“. Als eine „emotional gesteuerte Debatte“, als „ideologische Gleichheitsbegeisterung“ diffamiert er in seinem Kommentar die Inklusion. Und missversteht dabei alles.

Ist es ideologisch einer Gruppe von Menschen die gleichen Rechte zuzugestehen, wie dem Rest der Gesellschaft? Oder ist das nicht schlicht Aufgabe jeder demokratischen Gesellschaft? Was haben gleiche Rechte mit Gleichmacherei zu tun? Es behauptet doch niemand, die Behinderten seien plötzlich nicht mehr behindert, nur weil sie endlich ihre Rechte einfordern können.

Die Inklusion als „sozialpolitische Mode“ zu bezeichnen, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die seit Jahrzehnten für das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe kämpfen. Und dieses völlig schiefe Bild mit dem Fußball! Herrgott, Behinderte sind behindert aber nicht dämlich. Welcher Rollstuhlfahrer will denn in die Bundesliga? Ich kenne keinen. Herr Reiter hat ein merkwürdiges Bild von Bildungseinrichtungen, wenn er sie mit dem professionellen Ballsport vergleicht. Geht es in der Schule um die „direkte Konkurrenz“ der Kinder untereinander? Bei der die Behinderten naturgemäß unterliegen müssen? Wohl kaum: Hier sollen doch junge Menschen mit- und voneinander lernen – jeder im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten aber als Teil der Gemeinschaft.

Herr Reiter ist gegen die „zwangsweise und flächendeckende Einführung der schulischen Inklusion auf Kosten der klassischen Fördereinrichtungen“. Jahrzehntelang wurden behinderte Kinder zwangsweise und flächendeckend aus den allgemeinen Schulen ausgeschlossen. Und in Fördereinrichtungen unterrichtet, die keine überzeugenden Ergebnisse liefern konnten. Dieses Schicksal ist Herrn Reiter erspart geblieben. Er war zum Zeitpunkt seines Unfalls bereits erwachsen. Und selbstbewusst genug als behinderter Mensch seinen Platz in dieser Gesellschaft zu behaupten. Meinen Glückwunsch dazu! Aber hätte er das auch geschafft, wenn er vom Kleinkindalter an immer auf ein Sondergleis gesetzt worden wäre: heilpädagogischer Kindergarten, Förderschule, Werkstatt? Ich glaube kaum.

Und dann noch die Kritik an der Einführung der UN-Resolution: eine List das Ganze, „vor fast leerem Haus nach 22 Uhr ohne Debatte durchgewunken“. Ja, wäre es denn besser gewesen einer Minderheit per Mehrheitsbeschluss Rechte zu verweigern? Und jeder Abgeordnete, dem das Thema unter den Nägeln brennt, hätte teilnehmen können - auch nach 22 Uhr! Da ist dann Einigen ihr offenkundiges Desinteresse am Thema unschön auf die Füße gefallen. Ich freue mich jeden Tag über die UN-Resolution. Und dass nicht wieder eine historische Chance vertan wurde. Was hätten wir sonst? Wieder viele schöne Sonntagsreden „für die Öffnung unserer Gesellschaft für Behinderte“ – aber ohne dass den Worten Taten folgten.

Übrigens: Nicht wegen des Wettstreits der Individuen untereinander ist unsere Spezies so erfolgreich – sondern wegen der Fähigkeit zur Kooperation. Wo lernt man das besser als in inklusiven Schulen?

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