Botschafter

Siegen, 02.11.2007

Sind Behinderte behindert oder werden sie behindert? JedeR von uns ist anders, jedeR hat seine ganz persönlichen Stärken und seine individuellen Schwächen. Ob sie, genauer: welche davon wann zum Problem werden, hängt von den Umständen - und von den gesellschaftlichen Normen ab. Ich bin handwerklich-technischer Analphabet. Das wird von unserer Gesellschaft toleriert, die dafür den Zugang zu Werkstätten anbietet. Karl der Große war literaler Analphabet - er hatte für das Aufschreiben seiner Gedanken mehrere Handwerker der Schrift. Heute sind Menschen wie er in der Gesellschaft außen vor. Insbesondere unsere Schule bewertet „Leistung" eindimensional.

Bei Schulbesuchen in Italien waren unsere Lehramtsstudierenden oft nicht in der Lage zu sagen, welches die behinderten und welches die nicht-behinderten Kinder waren. Umgekehrt beobachten wir, dass sich die Schülerschaft einer Lerngruppe mit jeder Selektionsstufe neu ausdifferenziert: nach der Zurückstellung am Schulanfang, nach dem Sitzenbleiben der Leistungsschwächsten, nach ihrer Aussonderung in die Förderschule, nach der Zuteilung zur Haupt- und Realschule - jedes Mal öffnet sich die Leistungsschere neu. werden zuvor durchschnittliche zu „schwachen" Schülern, weil man Leistung jeweils vergleichend bewertet. Bisher unwichtige Unterschiede werden dann plötzlich bedeutsam für die Notenverteilung. Das ist wie mit den Zeitabständen bei Kreis-, Landes-, Weltmeisterschaften. „Eine Schule für alle" allein löst die Probleme heterogener Lerngruppen nicht. Aber sie ist Voraussetzung dafür, dass sich eine förderorientierte Pädagogik überhaupt entfalten kann.

Hans Brügelmann

Hans Brügelmann

Professor für Pädagogik an der Universität Siegen