Botschafter

Göttingen, 12.10.2007

„Integration ist Kraftfutter für Kindergehirne"

Schulen, die Ihre primäre Aufgabe in der Vermittlung von möglichst viel fachspezifischem Spezialwissen sehen, sind ein aus dem vorigen Jahrhundert stammendes Auslaufmodell. Bildung, so zeigen die neueren Befunde der Hirnforschung, können Kinder nur durch eigene Erfahrungen erwerben. Und ihre wichtigsten Erfahrungen sammeln Kinder im Zusammenleben, im gemeinsamen Lernen und Gestalten mit anderen Kindern. Je unterschiedlicher die Fähigkeiten und Fertigkeiten, das Wissen und die Erfahrungen von Schülern sind, desto mehr können sie voneinander und aneinander lernen.

Verankert werden diese Lernerfolge auf der Ebene der komplexesten Leistungen, zu der das menschliche Gehirn befähigt ist, im präfrontalen Kortex. Man bezeichnet sie als Metakompetenzen. Hierzu zählt die Fähigkeit, umsichtig zu handeln, vorausschauend zu denken, sich in Andere hineinzuversetzen, eine Vorstellung von sich selbst und anderen zu entwickeln, Frustrationen aushalten und Impulse steuern zu können.

All das läßt sich in den althergebrachten Unterrichts- und Schulformen nicht unterrichten. Damit sich Kinder diese Fähigkeiten aneignen können, müssen sie Gelegenheit bekommen, eigene Erfahrungen im Umgang mit sich selbst und mit möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen anderen Kindern zu machen.
Wer sie daran hindert, behindert die Entfaltung dieser komplexen Potentiale und macht ihr Gehirn zu einer Kummerversion dessen, was daraus werden könnte.

Gerald Hüther

Gerald Hüther

Professor für Neurobiologie und Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg