Botschafter

Hamburg, 29.06.2007

Deutsche Bildungs- und Sozialpolitik gliedert in starkem Maße aus, verbannt wachsende Personenkreise wie Behinderte, ältere Menschen oder Jugendliche mit Lernschwächen und überweist sie in die Obhut des Staates. Sie werden bestenfalls materiell beruhigt, aber keinesfalls sozial integriert. Eine solche Exklusion ist finanziell nicht mehr tragbar und - noch viel schlimmer - menschenunwürdig. Zugleich berauben sich die Nicht-Ausgeschlossenen wertvoller Erfahrungen, beispielsweise der positiven Entwicklung eines fürsorglichen Denkens. Um alle Teile der Gesellschaft insbesondere sozial und ebenso materiell wieder reicher zu machen, sind Reformen in Richtung einer ausgeprägten Inklusion vordringlich.

Das deutsche Bildungssystem ist deutlich gegliedert, um den unterschiedlichen individuellen Begabungen besser gerecht zu werden. Tatsächlich geschieht jedoch genau das Gegenteil: Individuelle Stärken werden kaum gefördert. Dabei hat jeder einzelne Mensch - auch der Behinderte - mindestens eine Stärke, die die Gesellschaft braucht. Doch es wird selektiert, gegliedert, ausgegrenzt. Damit wird weder den Leistungsstarken, noch den Schwächeren und Behinderten geholfen. Wir müssen wieder zurück finden, zu einer integrierten Schule, die alle Kinder und Jugendlichen gemeinsam entwickelt.
Das allgemein bildende Schulwesen muss insbesondere auch personell-soziale Kompetenzen fördern. Wo geht dies besser als in einem sozialen System, das alle einbezieht? Dazu sind kaum spezifische Unterrichtsfächer erforderlich, sondern eine Pädagogik und Lernformen, die solche Fähigkeiten und Eigenschaften auf natürliche Weise selbstverständlich entwickeln. Schüler, die in der Klassengemeinschaft mit Behinderten miteinander und voneinander lernen, erleben unterschiedliche Stärken und Schwächen, entwickeln Toleranz, Rücksichtsnahme und Kooperationsfähigkeit. Eine individuell angelegte Pädagogik und die Entwicklung fürsorglichen Denkens fördern zugleich Selbstvertrauen, Vertrauen untereinander sowie Erfolgserlebnisse und Leistungsbereitschaft. Das selbstständige Lernen beim praktischen Tun und die dabei erforderliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Personenkreisen unterstützen Selbstständigkeit, Kommunikationsfähigkeit, das Einordnen in Gesamtzusammenhänge und Sinnvermittlung. Durch Projekt- und Gruppenarbeit können die Schüler Problemlösungen im Team trainieren und werden im eigenverantwortlichen Lernen geschult. Neben den fachlichen Leistungen soll bis zum Ende der Grundbildung auch das Sozialverhalten bewertet werden.

Alle Kinder - einschließlich Behinderte und Lernschwächere - sollten gemeinsam eine neunjährige integrierte Grundbildung durchlaufen, die alle Schüler im Klassenverband behält, nicht selektiert und untergliedert. Ein integriertes System kann das Individuum am besten fördern. Was für Behinderte und Schwächere gut ist, ist zugleich auf der Basis einer individuell orientierten Pädagogik das Beste für Stärkere.
Übrigens, Länder mit derartigen integrierten Schulen, allen voran die finnischen, haben bei den PISA-Tests hervorragend abgeschnitten.

Dr. Jürgen Hogeforster

Dr. Jürgen Hogeforster

Präsident des Hanse-Parlamentes