Botschafter

Mülheim, 19.11.2010

Idioten. „Idiotie [griechisch idiotes >der Privatlebende<], die schwerste Form der Geistesschwäche (-> Oligophrenie). Als Idioten bezeichnet man alle jene Oligophrenen, die völlig bildungsunfähig sind, ihre Bedürfnisse oft nicht in der Hand haben und in besonderen Anstalten untergebracht werden. Die Ursachen der I. ist nicht in erblicher Veranlagung, sondern in Missbildungen, Gehirnentzündung (z.B. bei Röteln, Syphilis, Toxoplasmose der Mutter) während der Entwicklung im Mutterleib zu suchen." (Brockhaus Enzyklopädie, in 20 Bänden, Band 8, H - IK, 17. völlig neu bearbeitete Auflage, F. A. Brockhaus, Wiesbaden, 1969, Seite 809)
Wie viele sind heute noch der gleichen Meinung wie diese damals (noch nicht so lange her!) im Brockhaus verbreitete und veröffentlichte Definition?
Idioten sind für mich diejenigen, welche mein Kind auf dem Schulhof und sonstwo mobben, hänseln und beleidigen.
Diejenigen, die es mitleidig und wohlwollend belächeln und es „ach, so hilfebedürftig" finden.
Diejenigen, die meinen, sie müssten es absondern, damit es „optimal gefördert" wird, (...)

wobei es sich von vorneherein an eine Sonderbehandlung gewöhnt, welche es später unter Umständen gegen seine wohlmeinenden Helferinnen und Helfer umkehren wird..., und wobei es nicht durch Teilnahme an einer gemischten Leistungsgruppe sich an den Besseren orientieren kann, sondern in einer Gruppe, die sich an den „Schwächsten" orientieren muss, in erster Linie „Alltagskompentenzen" erlernen soll, die sich vor Allem an der Verwertung seiner Fähigkeiten für die spätere Mitarbeit in einer „Werkstatt für Menschen mit Behinderung" orientiert. In Gruppen, wo für den Schulunterricht speziell studierte Pädagoginnen und Pädagogen nichts von Sonderpädagogik wissen und umgekehrt und wo mein Kind sich nicht an Unterricht im Team gewöhnen kann, weil seine Lehrerin oder sein Lehrer immer alleine vor der Klasse stehen muss (manche wollen leider auch nicht anders...). In einer Schule, die sich vor Allem an dem orientiert, was es nicht kann, sodass es einen Tunnelblick dafür bekommt mit den entsprechenden Frustrationen und Verbiegungen.
Mein Kind will dazugehören, und ich will, dass es dazugehört, und ich will nicht auf einer weiteren, entfernten Schule Elternarbeit machen müssen, wo mein Kind und ich nicht zum örtlichen Netzwerk dazugehören.
Mein Kind will SpielkameradInnen vor Ort und nicht Schulfreunde, die es nur nach vorheriger Absprache und Organisation nur mit dem Auto, mit Hilfe und in Begleitung seiner Eltern erreichen kann.
Mein Kind will selbstständig in seine Schule kommen und nicht jeden Morgen für ungewisse Zeit bei Wind und Wetter auf seine Sonderschulbeförderung warten, mit einem bei jedem Schuljahr aufs Neue ungewissem Transportunternehmen mit neuen Unregelmäßigkeiten und Unsicherheiten. Und nicht anschließend in einem „Sondertransport" sitzen mit anderen unzufriedenen und desintegrierten Kindern, auf die alle zeigen können: „kuck mal, da fahren die Behinderten".
Mein Kind will und braucht nicht vordringlich wohlgemeinte und wohlmeinende Hilfe, sondern Stärkung (englisch: Empowerment)
Und: mein Kind will und es steht ihm nicht nur Teilhabe zu, sondern Teilnahme: nicht einen größeren oder kleineren Teil haben dürfen von etwas, was ihm jemand gegeben oder zugestanden hat: der Sozialhilfeträger vielleicht, der liebe Gott, das Versorgungs-, Landratsamt, ein Versorgungsdienstleister, die Kranken-, Pflegekasse vielleicht oder ein Rehabilitationsträger, das Arbeitsamt etc. pp. (jemand vergessen? Sorry.); sondern: etwas nehmen dürfen vom großen Kuchen, Ansprüche stellen- am besten vielleicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, bei dem es vorneherein eben nicht diskriminiert wird durch ein Handicap, für das es nichts kann.

Jürgen Hauke

Jürgen Hauke

Vater