Positionen

Sonderpädagogik unterm Hakenkreuz

SonderpädagogInnen haben seit Jahrzehnten ein exzellentes Image. Ihnen wird eine hohe Expertise in Diagnostik und Didaktiv zugeschrieben, sie genießen die Dankbarkeit der Gesellschaft dafür sich um deren "schwierige" Kinder zu kümmern. Und sie gehörten zu einer der ganz wenigen Berufsgruppen, die nicht im Verdacht standen sich dem nationalsozialistischen Regime angedient zu haben. Im Gegenteil, die Geschichtsschreibung ihrer Verbände betont, dass SonderpädagogInnen sich eher gegen den Willen der Regierung weiter um die Bildung benachteiligter Kinder gekümmert haben, und ihre Verbände unter Druck gerieten. Diesem Geschichtsbild widerspricht nun fundamental ein Buch der Professorin Dagmar Hänsel. Sie hat mit Quellenstudium belegt dass die Sonderpädagogik mit Wohlwollen der Nationalsozialisten zum eigenen akademischen Lehramt aufstieg und Verbandsfunktionäre im Gegenzug sogar ihre Arbeit als Teil des T4-Programms gesehen haben, in dessen Rahmen Menschen mit Behinderung nach ihrer Nützlichkeit sortiert und letztlich massenhaft ermordet wurden. Brigitte Schumann hat das Buch rezensiert.

Inklusion ein Missverständnis?

Über die UN-Behindertenrechtskonvention und ihre Ratifizierung durch Deutschland ist schon viel Blödsinn geschrieben worden: Angefangen mit Überlegungen, dass die Vereinten Nationen nicht demokratisch legitimiert seien und Deutschland gar nichts zu sagen hätten bis zu Verschwörungstheorien, nach denen die Abstimmung im Bundestag über die Ratifizierung im Sinne einer geheimen Kommandoaktion auf das Ende der Tagesordnung gesetzt worden sei, damit hinter dem Rücken der allermeisten übermüdeten Abgeordneten abgestimmt werden könnte.

Im Oktober hat nun der ehemalige Sonderpädagogik-Professor Otto Speck in der Süddeutschen Zeitung philosophiert, dass man das mit der Inklusion hierzulande völlig falsch verstehe - und veruscht die UN-Behindertenrechtskonvention für den Erhalt des Sonderschulsystems zu instrumentalisieren. Professor Hans Wocken hat im Magazin Auswege Specks Argumentation nun auseinander genommen.

Überall im Land freuen sich Schulminister über steigende "Inklusionsquoten". Man komme voran mit der inklusiven Bildung, heißt es dann. Was sie meistens nicht sagen: Auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt kontinuierlich. Und das bedeutet: Es muss der Verdacht bestehen, dass eine ganze Reihe der "inkludierten" SchülerInnen gar nicht behindert sind, sondern in der Vergangenheit ganz normal als RegelschülerInnen durchgegangen wären. Ob Inklusion gelingt, sieht man allein daran, ob die Zahl der Kinder und Jugendlichen an den Förderschulen sinkt. Hans Wocken hat diesen Zusammenhang analysiert.

Elternwahlrecht?!

Prof. Hans Wocken seziert die jüngst überall aufkommende Parole vom "Elternwahlrecht" über die Schule für ihre Kinder. In der Tat erscheint diese Forderung im Rahmen unseres aktuellen Schulsystems mehr als widersprüchlich: Wie kann es ein Elternwahlrecht geben, wenn ein gegliedertes Schulsystem nach Leistung selektiert? Und wenn es umgekehrt ein Gemeinschaftsschulsystem gäbe, was sollen Eltern dann noch wählen? Ein Essay zur inneren Logik eines politischen Modebegriffs.

Eine Schule für Alle.