Zum Tod von Wolfgang Blaschke

Lieber Wolfgang, wir verdanken Dir viel und werden Dich vermissen - als Freund, Weggefährte und Mitstreiter.

Am 2. April dieses Jahres ist unser Mitstreiter und Freund Wolfgang Blaschke gestorben. Wolfgang gehört zum Kreis der Gründungsmitglieder des mittendrin e.V. und hat uns und unsere Arbeit für Inklusion und inklusive Bildung über fast zwanzig Jahre begleitet. Er hatte sich damals der kleinen Gruppe von Müttern behinderter Kinder angeschlossen, ohne selbst ein Kind mit Behinderung zu haben. Vater war er, von zwei Töchtern ohne Behinderung.

Seine Motivation war nicht eigene Betroffenheit, sondern seine politische Haltung, zu der unverhandelbar das Eintreten für Unterprivilegierte gehörte. Als er 2006 in Gesprächen mit Betroffenen erfuhr, in welchem Ausmaß Kinder mit Behinderung immer noch aus den wohnortnahen allgemeinen Schulen ausgegrenzt waren, erkannte er den eklatanten gesellschaftlichen Missstand. Dass wir Mütter dagegen politisch angehen wollten, gefiel ihm. Er solidarisierte sich mit den Worten: „Och, da mach‘ ich mit!“

Wolfgang, das Kind kommunistischer Eltern, der gelernte Elektriker und später studierte Pädagoge war geprägt durch die Studentenbewegung der 60er Jahre und die darauf folgenden politischen Kämpfe der 70er Jahre: Die Antipsychiatrie-Bewegung, die Heimkampagne, die die von Gewalt geprägten Zustände in westdeutschen Erziehungsheimen anprangerte, die Krüppelbewegung betrachtete er stets als verbundene Kämpfe, bei denen die Selbstermächtigung der Unterprivilegierten und die gesellschaftliche Solidarität im Mittelpunkt standen.

Mit diesem Wertegerüst konnte er sich dem Einsatz für die Teilhabe behinderter Kinder in unseren Schulen und in unserer Gesellschaft mühelos anschließen – Charity hingegen hätte ihn niemals interessiert. Das war für unseren Verein ein großer Glücksfall. Sein Erfahrungsschatz aus den politischen Bewegungen und seine Vernetzung in der Kölner Stadtgesellschaft leisteten der politischen Konzeptionierung und Wirksamkeit der Vereinsarbeit einen gewaltigen Dienst.

Dabei sah Wolfgang sich stets an der Seite der Kinder und ihrer Rechte. Seit 2008 baute er beim mittendrin e.V. die Beratungsstelle für inklusive Bildung auf. Über 15 Jahre lang hat er hunderte von Familien begleitet und deren Kindern mit Behinderungen so zu besseren Lernbedingungen und oft genug zu inklusiver Bildung verholfen. Dabei konnte er stets zwischen den politischen Kämpfen und der sensiblen Arbeit im persönlichen Nahbereich der Betroffenen unterscheiden. Niemals instrumentalisierte er Menschen für die Sache, stets respektierte er die Autonomie ihrer persönlichen Entscheidungen.

Legendär war auch Wolfgangs Umgang mit Rechtsvorschriften. Den Verweis von Ämtern oder Schulen auf dieselben konterte er stets gelassen mit den Worten: „Zeigen Sie mir genau, wo das steht?“ – um dann auch noch den kleinsten Auslegungsspielraum zugunsten der Betroffenen zu finden. Aussagen von „Autoritäten“ schreckten ihn nie, sie waren stets zu hinterfragen. Auch darin ist er uns zum Vorbild geworden: Keine Angst vor Konventionen und Königsthronen zu haben. So entstand vor allem auch durch seine Mitarbeit im Team des mittendrin e.V. die Haltung, sich in der jahrelangen politischen Arbeit für Inklusion niemals einschüchtern zu lassen, stets zu kleinen Schritten bereit zu sein, aber dabei nie das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Lieber Wolfgang, wir und die Bewegung für das Gemeinsame Lernen verdanken Dir viel. Wir werden Dich vermissen – als Freund, Weggefährte und Mitstreiter.

Bild von Wolfgang Blaschke

Schlagworte

  • Köln
  • NRW
  • Überregional